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Erziehung zur Freiheit - in Freiheit

Aktion mündige Schule

Henning Kullak-Ublick

ISBN: 978-3-926841-94-0
Einband: kartoniert
Informationen: 160 Seiten
Inhaltsverzeichnis: Download als PDF
Preis: 10,00 €

Kurzbeschreibung

Mit Beiträgen von: Manfred Borchert, Ute Erdsiek-Rave, Irene Fröhlich, Gregor Gysi, Bernd Hadewig, Benediktus Hardorp, Johannes Kiersch, Henning Kullak-Ublick, Stefan Leber, Harm Paschen, Heide Simonis, Johannes Stüttgen, Christoph Strawe, Peter Struck und Johann Peter Vogel.

Taugt die Schule des 20. Jahrhunderts noch für das 21. Jahrhundert? Wie können unsere Schulen zu Übungsstätten für individuelle und soziale Fähigkeiten werden, die ein lebenslanges Lernen in einer immer komplizierter werdenden Welt als Chance und nicht als Bedrohung ergreifen?

Dieses Buch möchte allen Eltern, LehrerInnen, SchülerInnen und Zeitgenossen Mut machen, initiativ zu werden, sich einzumischen und die Schule zum Ausgangspunkt einer wirklichen Kultur der Freiheit werden zu lassen. Obwohl sie mehr als 200 Jahre lang vom Staat betrieben, verwaltet und oft genug auch vereinnahmt wurde, ist Schule eine Angelegenheit aller Menschen. Soll Bildung nicht zur Ware, zum bloßen Lieferanten menschlicher Ressourcen für den Arbeitsmarkt verkommen, muß sie aus der lebendigen Begegnung von Menschen erwachsen.

Was braucht die Schule für ihre lebendige Entwicklung? Wie kann pädagogische Initiative an die Stelle einer bürokratischen Verwaltung treten? Wie kann das Schulwesen von den jahrzehntelangen Erfahrungen der Freien Schulen über Autonomie, Schulprofile und Selbstverwaltung lernen? Wie finanziert man ein freiheitliches Schulwesen? Wie kann Kontrolle zur Evaluation werden?

 

 

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Rezension in: Erziehungskunst
  Rezensent: Stefan Leber

  Einschließlich des Vorwortes liegen 19 Beiträge und Interviews vor – ein wirklich bunter Strauß! Will man zum Kernanliegen vordringen, dann findet man dies genau in der Mitte des Bandes vom Herausgeber dargestellt mit dem Thema: Warum eigentlich eine Aktion mündige Schule? Dort wird die schleswig-holsteinische Initiative für Selbstverwaltung, Vielfalt, Innovation und fairen Wettbewerb im Bildungswesen vorgestellt. Grundlage der Initiative ist, daß die schleswig-holsteinische Verfassung Volksbegehren und Volksabstimmung zu läßt – im Unterschied zu den meisten Bundesländern. Auf Grund dieses Tatbestands kam eine Gruppe aus der Flensburger Waldorfschule auf den Gedanken, dieses Instrument zu nutzen, um den entsprechenden Schulverfassungsartikel der Landesverfassung dahingehend auszubauen, daß Schulen, die es wollen, die gesetzliche Möglichkeit erhalten, im Rahmen einer eigenen Trägerschaft die weit gehende pädagogische, organisatorische und wirtschaftliche Selbständigkeit erhalten können, ferner daß eine Selbstrekrutierung der Lehrerkollegien möglich wird sowie die wichtige Tatsache, daß Vertreter aller Schularten in die Schulaufsicht einbezogen werden. Die Schulaufsicht soll künftig die Rechts- von der Fachaufsicht trennen. In der Finanzierung sollen dieselben Gesichtspunkte für alle Träger gelten, so daß tatsächlich die Erziehungsberechtigten selbst die Schulart für ihre Kinder wählen dürfen. An die Stelle der Schulpflicht tritt die Unterrichtspflicht.
 

Diese Idee wurde im Land so zündend vertreten, daß in dem kleinen Bundesland 37.000 Erwachsene ihre Unterschrift gaben – fast das Doppelte dessen, was das Quorum vorschreibt. Freilich ist die Zustimmung des Landtags zu einem Volksbegehren ist erforderlich. Da begann nun ein spannendes Drama: die zuständigen Fachausschüsse votierten dafür, das Plenum lehnte mit den Stimmen der Mehrheitsfraktionen ab, mit der Begründung, dadurch würde das Schulwesen verteuert (schon durch die wenigen Freien Schulen um 50 Millionen DM), indem per Volksabstimmung in das parlamentarische Haushaltsrecht eingegriffen würde. Gegen diese Blockade hat die Initiative eine Klage beim Verfassungsgericht eingereicht. Dies ist der augenblickliche Stand. Die Bildungspolitik des kleinen Bundeslandes kam in beträchtliche Bewegung.
 

Anläßlich des 50jährigen Bestehens der Waldorfschulen im Land versammelt die Initiative mit der Herausgabe der vorliegenden Schrift Beiträge aus Mund und Feder der (bildungs-)politische Prominenz. Mit fast ironischer Dialektik gibt die Kultusministerin aus Kiel ein Geleitwort, bei dem das Qualitätsmanagement als besondere Aufgabe hervorgehoben wird. In der Evaluation der Leistung von Schülern steht das kleine Land ganz vorne. Die Ministerin meint, daß die Verantwortung für Qualität von Schule den Dialog über Gruppen- und Parteiinteressen hinweg fordert. Sie spricht dann davon, daß dadurch der richtige Weg gefunden werden könne. Die Frage ist freilich – wohin? Denn zu den verschiedenen Räumen der Wirklichkeit und des sozialen Lebens gibt es recht verschiedene Wege. Noch wichtiger als der Dialog über den richtigen Weg ist, daß man seinen gehen, und zwar aus eigener Zielsetzung. Und das will die Aktion mündige Schule.
 

Im weiteren kann man bildungspolitische Vorstellungen von der PDS (Gregor Gysi) bis zu den Grünen und zur SPD-Ministerpräsidentin erfahren; ein Vertreter der CDU fehlt leider. Durch den bekannten Erziehungswissenschaftler Peter Struck wird die Schulszene markant beleuchtet: 43 % der Schüler kritisieren ihre Lehrer, ein Großteil der Lehrer wiederum leidet an der Institution und an den Schülern, Eltern stellen unterschiedliche Erwartungsansprüche zum Teil gegensätzlicher Art an die Lehrer, die Industrie bemängelt zu geringe Kenntnisse, Unselbständigkeit der Schulabsolventen, deren Team- und Konfliktfähigkeit völlig unentwickelt ist, kurzum, man sieht in ein Geflecht unentwirrbarer Beziehungen, in dem man sich nur verheddern kann. Das Ganze wird dann noch überzuckert von der Finanznot der Länder – in einem der reichsten Länder der Welt. Dieses System wird 16-faltig administriert und (einheitlich) zusammengehalten von den Abschlüssen her, die die Kultusministerkonferenz managt und von der einst Bundeskanzler Kohl sagte, sie sei die "reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik", im Vergleich dazu sei der Vatikan weltoffen.
 

Die Widersprüche zwischen den die Schule sich entfalten soll sind Legion: 80% der Pädagogen sind vom burn-out-Syndrom (Streß, Verunsicherung, Schweißausbrüche, Zittern, Schlaflosigkeit, Ängste) betroffen. Sie haben kein Selbstvertrauen, sind überempfindlich. In den Elternhäusern ist der Anteil des Erziehungshandelns innerhalb des Zusammenlebens weitgehend nicht existent, Kinder sind oft verhaltensgestört, lernschwierig, gewalttätig, süchtig. Dabei wird der Schule von Eltern vorgehalten, es werde zu wenig gelernt, außerdem das Falsche vermittelt, die eigenen Kinderwürden ungerecht beurteilt. Vor diesem Hintergrund werden dann Vorschläge zur Veränderung entwickelt: eine neue Lehrerbildung, die Schule als Lernwerkstatt, Computer, Internet, Teilhabe der Eltern, Aufhebung des 45-Minuten-Taktes, Gliederung der Schulen in verschiedene Richtungen, aber auch Turbo-Schulen. Struck stellt auch wie andere die Frage, ob die Schule am Ende sei. Vier Millionen haben trotz Schulbesuch in Deutschland weder lesen noch schreiben gelernt, eine zunehmende Zahl der Kinder im Vorschulalter bleibt in der Sprachentwicklung zurück (ein Viertel). Dazu kommt eine wachsende Rechenschwäche bei immer mehr Schülern,. Die häusliche Versorgung ist problematisch: ein Teil der Schüler ist nicht richtig ernährt, Gummibärchen statt Frühstück, ein Teil wird vernachlässigt, während andere Elternhäuser früh auf Leistung orientiert sind. Doch nicht für Abschaffung der Schule plädiert Struck, sondern für eine andere Schule. Die Schule muß mehr Erziehungsanteile auch der häuslichen Erziehung übernehmen. Über Schule ist wieder vermehrt gemeinsam zu sprechen.
 

Johannes Kiersch hat in seinem Beitrag vier Elemente des posttotalitären Systems herausgearbeitet, anhand einer Taxonomie Vaclav Havel, nach dem
 

1. die Macht dadurch legitimiert wird, daß sie zum Wohle (der Arbeiterklasse) geschieht, so war die Parole der Linken. Ihr eignete
 

2. eine Ideologie, die mit religiösem Ernst vertreten wird,
 

3. besteht ein Ritualsystem bürokratischer Regeln.
 

4. das Ritualsystem mit eigenen Abläufen.
 

Diese Strukturmerkmale wendet Kiersch dann auf das Schulwesen an. In diesem entsteht ein Druck von außen und innen, einerseits durch das Befinden der Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft, die Folgen decken sich mit denen von Struck aufgewiesenen. Die Anpassung an die gegebene Situation besteht in einer pfiffigen Form der Auslagerung: Kunst findet etwa in der Musikschule, Sport im Verein usw.. Auch einige Waldorfschulen halten dies für eine Lösung ihrer Finanzprobleme. Ein angemessenerer Weg wäre freilich, neue Formen innerhalb der Schule aus einem pädagogischen Konzept zu schaffen. Dafür skizziert er Beispiele, so etwa die "Allianz für die Kindheit".
 

Der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen sieht engagiert die direkte Demokratie als einen Schulungsweg der Freiheit. Er geht für ihn an die Wurzeln. Dadurch, daß das Kieler Parlament das Volksbegehren abgelehnt hat, weil dadurch auf den Haushalt zugegriffen werden könnte, verdeutlicht er, daß der Volkssouverän gerade die Aufgabe hat, auch über sein eigenes Geld zu bestimmen. Freiheit der Schule und direkte Demokratie werden in eine Wechselbeziehung gesetzt, so daß die Entwicklung des einen eine Förderung der anderen mit sich zieht und umgekehrt.
 

In dem Beitrag von Stefan Leber wird die Entwicklung seit der Zeit der Französischen Revolution und die Selbstverwaltung des Schulwesens nachgezeichnet. Immer wieder gab es Ansätze, die dann vom bürokratischen Trott und den Machtstrukturen plattgedrückt wurden. Manfred Borchert stellt in anschaulicher Weise pädagogisch engagiert das Modell der Freien Alternativschulen am Beispiel der Thalschule vor, die vom pädagogischen Engagement ihrer Lehrer lebt und all jene Probleme sicherlich besser überwindet als noch so gut gemeint verordnete Schulmodelle. Durch Benediktus Hardorp wird die Idee des Bildungsgutscheines vorgestellt, eines gerechten Modells zur Finanzierung von allgemeinbildenden Schulen, die Freiheit ermöglicht. Durch das Interview mit Johann Peter Vogel wird deutlich, daß viele im öffentlichen Bewußtsein verhaftete Begriffe heute anders interpretiert werden müssen, so z. B. die Unterscheidung von öffentlich und privat. Die noch immer sogenannten Privatschulen erfüllen einen öffentlichen Auftrag, denn in einer Bürgergesellschaft ist der Bürger nicht mehr Instrument und Objekt, sondern selbständig handelndes Subjekt. Dies ist in der Wirtschaft schon lange üblich. Damit verändert sich notwendig auch das Profil der Schulaufsicht. Wer käme in der Wirtschaft auf die Idee die TÜV-Funktion den Automobilherstellern zu übertragen? Im Bildungswesen ist das noch immer gängig. Selbst wenn die Freien Schulen zunehmen würden von 5 auf 6%, heißt das, daß 200 große Schulen gegründet werden müßten. Dies wird in Deutschland ein mühseliger Vorgang. Veränderungen sind zwar auf juristischem Wege möglich, verlaufen, wie in eindrucksvollen Beispielen gezeigt wird, aber unendlich zäh, und zwar zunächst immer gegen die Initiatoren, allein durch die Zeitdauer juristischer Entscheidungen.
 

Wir greifen noch den Beitrag von Bernd Hadewig heraus, der auf 12 Druckseiten darlegt, mit welch subtilen Verwaltungsmethoden – und dies bei erklärtem guten Willen der Regierung – das Leben der Schulen in Freier Trägerschaft im nördlichen Bundesland schwer gemacht wird. In den letzten 10 Jahren kam es immer wieder zu neuen Erfindungen, wie die Zuschüsse gekürzt zu werden vermögen. Für Bauvorhaben hat das Land beispielsweise 1,1 Millionen DM Fördermittel eingesetzt, das Antragsvolumen beträgt 50 Millionen. Als Flächenstaat hat dieses Land bisher noch keine Schülerbeförderungskosten vorgesehen! Dies sind materielle Schwierigkeiten, dazu gesellen sich juristische hinzu, etwa in der Frage der Schulabschlüsse. Freiheit ist ein mühseliger Weg, ständig bedroht.
 

Der Band endet mit einem Beitrag von Christoph Strawe über die Menschenrechte und einem Entwurf zu einer Charta der Grundrechte der europäischen Union, die insbesondere im Bildungsteil im Sinne von Freiheit und Bürgergesellschaft ausformuliert wurde. Insgesamt ein vielseitiger, lesenswerter Band!

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