Flensburger Hefte

Kulturdialog oder Kulturkampf?

Islamische und westliche Werte im Gespräch

ISBN: 978-3-935679-33-6
Einband: kartoniert
Informationen: 220 Seiten
Inhaltsverzeichnis: Download als PDF
Preis: 15,00 €

Kurzbeschreibung

Mit Beiträgen von: Seyed Mostafa Azmayesh, Dalia Azzam, Katrin Biallas, Katharina von Bechtolsheim, Freimut Duve, Mariam El Awad, Helmut Gabel, Sliman Abu Hmed, Monika Mielke, Ida Umm Musa, Wolfgang Schimmang, Udo Steinbach, Abul Basit Tariq, Ahmet Toprak, Wolfgang Weirauch; 73 sw. Abb.

 

 

Kein Mensch lebt heute in einem Land unter Menschen mit nur einer Kultur und Religion. Niemand kann heute noch den Anspruch erheben, daß seine eigene Kultur, seine Religion die einzig wahre sei.

Aber - wie ist die Realität derzeit? Brennende dänische Fahnen, aufgeputschte Volksmassen, Beleidigung einer Religion durch Karikaturen, Folter im Namen der Demokratie, Gewalt gegenüber Ausländern - ist das die Welt, in der wir einander mit Respekt und Toleranz begegnen?

Weltweit droht die Stimmung derzeit zu kippen. Vorurteile schieben sich in unsere Vorstellungen und trüben den unvoreingenommenen Blick auf den anderen Menschen, die andere Kultur, die andere Religion. Deshalb möchten wir mit diesem Buch einen Beitrag zum Kulturdialog leisten.

Wir berichten über die Hintergründe des Karikaturenstreits, die gegenseitigen Vorurteile im Westen und in islamischen Ländern und über den politischen Islam. Wir werfen einen Blick auf die Beduinen auf dem Sinai; wir schauen auf Berlin, speziell auf die Integrationsprobleme in Stadtteilen wie Neukölln und auf den Widerstand gegen den Bau einer Moschee in Pankow. Außerdem beleuchten wir die Familienstrukturen konservativer türkischer Familien und die daraus entstehenden Integrationsprobleme der Migranten.

 

 

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Kulturdialog oder Kulturkampf. Islamische und westliche Werte im Gespräch
  Rezension in: Die Drei, Nr. 7, Juli 2007
  Rezensent: Gerd Weidenhausen

 

Der Band versteht sich als Beitrag zu einem nur selten stattfindenden Kulturdialog in einer Zeit, der nach dem Kalten Krieg das Feindmuster ausgegangen ist, bis Samuel Huntington meinte, die Unausweichlichkeit von Zivilisations- und Kulturkämpfen entdecken zu müssen. Dieses Konstrukt droht in Erfüllung zu gehen, weil verdünnte und vereinfachte Substrate aus Huntingtons "Kulturtheorie" mit einer enormen globalen Breitenwirkung inzwischen alle Parteien im vermeintlichen Kulturkampf erreicht und beeinflußt haben. Seitdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kulturkampf von interessierter Seite geradezu herbeigeredet wird. Beispiele positiver Zusammenarbeit und eines funktionierenden Zusammenlebens und Dialogs werden von den Medien in ihrer Fixierung auf negative, weil die Verkaufszahlen ankurbelnde Schlagzeilen regelrecht ausgeblendet.
 

Das tun die Herausgeber der Flensburger Hefte mit vorliegendem Band nicht, der durch eine Fülle von Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Berufszusammenhängen besticht. Interviewt werden, um nur einige Beispiele zu nennen, ein Kamelführer und eine Schafhirtin aus dem Sinai, die Auskunft über die Werte der Mzaini-Beduinen geben. Ebenso eine Verkäuferin, die ihren Lebensweg in einem traditionell geprägten islamischen Umfeld schildert. Zu Wort kommen auch Erziehungs- und Religionswissenschaftler, erstere vornehmlich mit den Integrationsproblemen befaßt, die auch Ergebnis konservativer Familienstrukturen, eifrig gepflegter Tabus mitsamt der ganzen Doppelmoral einer sich selbst nicht verstehenden religiösen Tradition sind. Problematisiert wird anhand einer Fülle von Themen die allseits bekannte Konfliktzone entstehender Parallelgesellschaften, die nicht nur Folge unterschiedlicher Wertvorstellungen, sondern auch sozialer Disparitäten sind.
 

Eingeleitet wird der Band von einem Gespräch mit Freimut Duve, der als Politiker und Autor seit langem mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigt ist. Interessant hier die Einschätzung Duves, welch enorme, meist negative Rolle die westlichen wie arabisch-muslimischen Medien im "Bilderkrieg" um die politische und kulturelle Hegemonie spielen, die zum Teil erst durch die Berichterstattung die Ereignisse evozieren, die zu beschreiben sie vorgeben.
 

Udo Steinbach, seit 1976 Direktor des "Deutschen Orient Instituts" in Hamburg, wirbt im folgenden Gespräch für ein tieferes Verständnis der Aufgeregtheiten und Empfindlichkeiten in der muslimischen Welt, die im Westen allzu schnell als Anzeichen des Fanatismus und fundamentalistischer Verbohrtheiten gedeutet werden, indem er konstatiert: "In den islamischen Gesellschaften finden wir ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, das wir in anderen Kulturkreisen so nicht feststellen können, obwohl diese im großen und ganzen das gleiche Schicksal erlebt haben wie die islamische Welt. Das hinduistische Indien, das buddhistische Asien, das konfuzianische China - sie alle hat der Westen unterworfen ... Deshalb muß man schon die Frage stellen, warum die islamische Welt gegenüber dem Westen so komplexbesessen reagiert." Eigentümlich kontrastiert nämlich die defizitäre wirtschaftliche, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Situation in vielen der arabischen Länder mit der im Koran (Sure 3, Vers 110) von Gott der islamischen Gemeinschaft attestierten Rolle, die da heißt: "Ihr seid die beste aller Gemeinden."
 

Schon alleine wegen der informativen und lehrreichen Ausführungen Udo Steinbachs über Geschichte, Wandel und Wesen des Islams lohnt die Lektüre der Flensburger Hefte. Komplettiert wird dieser Eindruck von dem hochinteressanten Interview mit dem Sufi-Lehrer und eingeweihten Meister des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. S.M. Aszmayesti. Dieser weist das Sufitum als einen Zweig der allgemeinen mystischen und gnostischen Strömung aus, die schon vor der Entstehung der monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams existierten. Einer Politisierung der Religion, wie sie der schiitische Islam - spiegelbildlich zu den evangelikalen Fundamentalisten in den USA betreibt, lehnt der Sufi-Lehrer strikt ab. Gehorchten alle Gläubige dieser Auffassung, so wäre dem angeblichen Kulturkampf der Boden entzogen und der angestrengte Kulturdialog vollzöge sich im Klima eines selbstverständlichen Austauschs, der dieses Wort nicht mehr bedürfte.

 

 

Rezension bei Amazon

Rezensentin : Kathrin Ehrenspeck

Das Buch ist ein Dokument dafür, wie schwierig dieses Thema ist, denn das versprochene "Gespräch zwischen islamischen und westlichen Werten" gelingt auch hier in vielen Fällen nicht. Warum? Weil der Bezug zu einem gemeinsamen Fundament dieser Werte, zu einer dahinter stehenden Logik fehlt und damit auch die Vermittlung.


An einem Beispiel möchte ich das zeigen: Die angebliche Unterdrückung der Frau wird mehrfach angesprochen und diese westliche Interpretation islamischer Familienstruktur so selbstverständlich gesetzt, dass die dahinter liegenden Annahmen über das Verhältnis der Geschlechter erst gar nicht transparent gemacht werden. Die Frage "'Unterdrückt ihr eure Frauen?"' oder gar "'Warum unterdrückt ihr eure Frauen?'" ist ein Vorwurf, die Frage '"Wie versteht ihr das Verhältnis zwischen den Geschlechtern?'" wäre eine erkenntnisdienliche Frage gewesen. Auf letztere käme eine Antwort, die sinngemäß an das Anima- und Animus-Konzept von C.G.Jung erinnert. Im Islam sind die 99 Eigenschaften Allahs dem Menschen als Begabung und Aufgabe mitgegeben, also als Ideale. Die höchsten Eigenschaft Allahs ist die Barmherzigkeit (wohl besser als mütterliche Güte übersetzt, denn es ist eine Grundhaltung und nicht nur eine Reaktion auf ein Vergehen oder eine Not) und die ebenbürtige ist die Weisheit. Gott hat dem Mann die Begabung zur Weisheit und der Frau die Begabung zur Barmherzigkeit mitgegeben ' und eine unbarmherzige Weisheit ist kalt, eine weisheitslose Barmherzigkeit ist parteiisch. Die beiden Eheleute können sich nur miteinander zu ihrer Vollständigkeit, also zu ihrer Paradiesesreife hin entwickeln, sie können sie alleine nicht erreichen (u.a. deshalb ist Eheschließung eine muslimische Pflicht). Die Umsetzung der entsprechenden Gebote läuft dann auf verschiedene Weise ab: im entwickelten Falle heißt es, dass der Mann seine Frau auf dem Weg zu Allah (nicht zu seinem eigenen Vorteil!) berät und die Frau seinen Rat beherzigt (ihm eben nicht blind folgt, sonst bleibt ihre eigene Weisheit auf der Strecke). Und nur im primitiven Falle heißt es: '"Ich befehle und du tust, was ich sage."' Eheliche Konflikte sind aus islamischer Sicht Konflikte, in denen Weisheit und Barmherzigkeit zusammen finden müssen und das geht nicht, wenn man das Herz des Mannes durch Verführung oder den Verstand der Frau durch Gewalt bezwingen will. So, auf dieser Ebene machen Dialoge Sinn und könnten zum Kennenlernen des Anderen, zur Vertiefung der eigenen Sicht und zu für beide neuen, überraschenden Ergebnissen führen, aber auf dem Niveau von Vorwurf und Rechtfertigung kann man sie sich eigentlich auch schenken.


Das Gleiche gilt, wenn Begriffe wie Menschenrechte und Demokratie zur Sprache kommen. Auch hier bringt es nicht viel, nur dem westlichen Maßstab eine andere Norm gegenüber zu stellen, an der diese sich zu bewähren hat, sondern es müssten die verschiedenen Menschenbilder und Vorstellungen von Gemeinschaft zur Sprache kommen, die diese Normen begründen. Wenn das übergangen wird, dann wird dadurch nur die westliche Kultur verabsolutiert und die andere Kultur in die Rolle der Angeklagten gedrängt, bloß weil sie anders ist.


Doch wozu ein Dialog, dem die Bereitschaft fehlt, den Anderen kennenzulernen? Das fragt man sich bei mehreren der Interviews und es ist sehr schade, denn das Buch ist unbedingt lesenswert, die angesprochenen Themen sind wichtig, die Interviewpartner sind sorgfältig und mit Geschick ausgewählt, ihre Positionen sind interessant und konstruktiv, es waren also alle Voraussetzungen da für Gespräche, die mehr hätten sein können als nur Vorhaltung und Rechtfertigung. Wenn der Interviewpartner ins Erzählen kommt, besonders in den Äußerungen der jungen Deutschen, die Adoptivtochter eines Beduinenpaares ist, in den temperamentvollen Auslassungen einer ägyptischen Erzieherin und in der Erzählung über eine Reise zu den Tuareg, die das Buch beendet, ist der direkte Druck zwar aufgehoben, aber die Freiheit, sich als nicht nur folkloristisch Verschiedenen, sondern als zuinnerst Anderen darstellen zu können, entsteht dabei noch nicht. Das Angeregte in diesem Sinne weiter und tiefer zu denken ist also die Aufgabe, die sich nach der Lektüre dem Leser stellt.

 

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